sternenkindliebe

Von der Trauer und der Liebe zu (m)einem Sternenkind

Über unsere Trauerzeit

05.06.2022

Nach 3,5 Wochen Krankenhaus waren wir nach Hause gefahren. Um dort noch eine gemeinsame Familienzeit zu verbringen. Die Prognose waren 1-2 Wochen. Ich bezweifelte, dass es noch so lange dauern würde. Ich ging von ein paar Tagen aus. Mein Wunsch war es, dass Lara zuhause in ihrem Umfeld gehen dürfe. Zuhause, wo sie sich immer wohl gefühlt hat. Und ich hatte die Hoffnung, dass sich da auch die Große näher herantrauen würde. Die Schwestern noch ein bisschen Zeit zusammen verbringen könnten. Und dann dieser Schock. Es ist zu spät. Wir haben keine Zeit mehr. Sie lebt nicht mehr. Mein Kopf hat begriffen, was meine Ohren gehört und meine Augen gesehen hatten. Es war nicht zu leugnen. Trotzdem braucht der Verstand Zeit, um den Tod zu begreifen. Auch waren wir total überfordert, wie es nun weitergehen würde. Der Arzt erklärte uns, dass wir sie 48h hier behalten dürften. Und ich empfand Erleichterung. Darüber, dass ich sie nicht gleich weggeben musste. Darüber, dass wir sie noch bei uns hatten. Wenn auch nicht mehr lebendig. Aber sie war da. Man konnte sie anfassen und mit ihr sprechen. Mit den Händen zu begreifen, womit der Verstand noch nicht hinterherkommt.
Mein Kopf sagte mir ständig Dinge wie: „Nicht so laut, die Lara wacht sonst auf.“ Oder: „Die Lara muss mal wieder was trinken.“ Und immer wieder konnte ich mich davon überzeugen: Nein, sie braucht nichts mehr. Sie ist noch hier, aber sie ist nicht mehr anwesend.

Anfang Juni 2022 – Abschied von Lara

Wir schliefen alle in einem Raum, waren spazieren und taten einfach das, was uns in den Sinn kam. Immer wieder schauten wir sie an, sprachen mit ihr oder hielten sie im Arm. Irgendwann traute sich das dann auch die Große. So konnte auch sie von ihrer Schwester Abschied nehmen. Sie noch ein letztes Mal halten.
Doch dann merkten wir, dass es Zeit wurde sie abholen zu lassen. Auch das machten wir gemeinsam. Ich legte sie in den Sarg, die Große legte ihr ihren Kuschelelefanten dazu und Papa trug den Sarg zum Leichenwagen. Wir winkten noch einmal hinterher und gingen dann wieder rein. Hier machten wir zum ersten Mal die „Familienfaust“. Ein Ritual, welches uns heute noch mit Lara verbindet.
Die nächsten Tage waren geprägt von organisatorischen Dingen. Man macht sich natürlich vorher keine Gedanken, wo und wie man sein Kind beerdigt. Diese Aufgaben taten gut. Denn so konnte man noch etwas für sie tun. Ihr einen schönen Abschied gestalten. Aber manchmal war es auch einfach nur anstrengend.
Uns war sofort klar, dass Lara einen bunten Sarg bekommen sollte. Wir wollten ihn gestalten. Es sollte ein schöner und bunter Abschied sein. Also bastelten wir zusammen. Die Große schnitt rote Herzen aus Papier aus und ich bastelte einen bunten Schmetterling. Dies klebten wir dann auf den Sarg. Bei jedem Herz sprach ich mit der Großen über eine Erinnerung an Lara. Papa malte bunte Vögel dazu und auch unsere Namen bekamen einen Platz.
Schwarze Kleidung zur Beerdigung wollte ich nicht tragen. Lara war ein so fröhliches Kind. Sie hat immer viel gelacht. Wenn sie mich also sehen sollte, dann bitte in bunten Sachen und nicht zwischen Menschen, die alle schwarz tragen. Sie soll erkennen, das ist meine Mama.

Juni 2022 – Grabschmuck töpfern

Nach der Beerdigung war nun erst einmal alles getan. Jetzt konnten wir nichts mehr für Lara tun – gar nichts mehr. Deshalb überlegte ich mir ein gemeinsames Projekt. Wir wollten gemeinsam etwas für das Grab töpfern. Alle zusammen und doch jeder für sich. So, dass am Schluss von jedem etwas auf dem Grab war. Etwas selbst Gemachtes von jedem für Lara.
Ich entschied mich für ein Windlicht mit Schmetterling, Papa wollte ein Pflanzgefäß probieren und für die Schwester hatte ich Ausstechförmchen bereit gelegt.
Wir saßen gemeinsam am Tisch und jeder arbeitete für sich. Der Großen half ich hin und wieder. Aber sie machte das gut. Sie hatte einige Herzen ausgestochen. Anschließend knetete, rollte und experimentierte sie selbstständig weiter. Es entstand noch ein schönes Gefäß für ein Teelicht. Beim Befestigen musste ich noch etwas helfen, aber die Idee kam von ihr. Das fand ich wunderbar!
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Diese gemeinsame Zeit mit einer gemeinsamen Aufgabe für unsere Lara tat uns allen gut. Wir konnten so noch etwas für sie tun. Ich fühlte mich dabei sehr mit ihr verbunden. Als wäre sie dabei gewesen.
Ein paar Tage später bemalten wir unsere entstandenen Werke noch. Sie werden das Grab schön bunt machen und uns für immer an diese gemeinsame Zeit erinnern.

Juli 2022 – Trauerauszeit

Nach einer Weile merkte ich, dass wir mal Zeit für uns brauchten. Jeder für sich, aber auch Zeit als Paar. Ohne, dass die Große dabei war. Um sich ganz bewusst Zeit für Lara zu nehmen.  In Ruhe miteinander sprechen zu können. Über Lara und über unsere Trauer. Also blieb die Große bei Oma und Opa und wir fuhren weg. Wir lasen Trauerbücher und kamen miteinander ins Gespräch. Musik hören, Malen, Schreiben, Dichten – ich probierte einfach alles aus.
Ich begann zu schreiben und merkte, dass ich so einen Zugang zu meiner Trauer fand. Die erste Zeit schrieb ich nur für mich. Nie hätte ich gedacht, dass es einmal diesen Blog geben würde.
So schrieb ich an einem Tag in dieser Trauerauszeit in mein Trauerbuch:
 „Ich schaue die bunten Blumen im Blumenkasten an und höre Lieder, die mich an dich erinnern. Das kräftige rot und das strahlende weiß der Blüten – so strahlend und bunt wie dein Leben geworden wäre. So bunt, wie du warst. Dein Lächeln sehe ich immer wieder vor mir! Das möchte ich nie in meinem ganzen Leben vergessen. Du warst so glücklich!“ 
Außerdem gestalteten wir jeder eine Kerze für Lara und schauten uns gemeinsam Sonnenuntergänge an. Dabei fühlte ich mich Lara immer besonders nahe. Bei jedem Sonnenuntergang war ich dann sehr traurig. Es fühlte sich jedes Mal so an, als hätte ich Lara wieder verloren. Als hätte sie mich wieder verlassen. Die Sonne ging weg und es wurde dunkel. Wie in meinem Herzen. Lara ging und alles fühlte sich dunkel und trist an. Doch insgesamt waren es gute und wichtige Tage.
Auch die Große nutzte diese Zeit. Als Auszeit. Denn bei Oma und Opa konnte sie Luft holen. Hier war alles wie früher. Aber auch zur Verarbeitung. Sie spielte mit einer Puppe und gab ihr den Namen Lara. Erst war sie überall dabei, bis sie schließlich starb. Für ihre Verarbeitung war es gut, dass sie diese Tage alleine bei Oma und Opa war. So hatte sie den nötigen Raum für ihre Trauer, ohne auf Mama und Papa Rücksicht nehmen zu wollen.

08.08.2022

Tick, tack, tick, tack – so geht die Zeit dahin.
Ich weiß nichts zu beginnen.
Suche nach des Tages Sinn,
spüre die Zeit wegrinnen.
Möbel schieben, Schränke ausräumen,
es packt mich die Lust.
Und dabei nicht versäumen,
dass ich noch Haushalt machen muss.
Doch für all das fehlt die Energie –
putzen, kochen, räumen, heben.
Denn es ändert eins doch nie:
Dass ich nun ohne sie muss leben.
Egal wie viel Ordnung ich mache,
und wenn es auch klinisch rein,
es ändert sich nicht die eine Sache.
Denn die Ordnung soll in meinem Leben sein.
Doch das wird wohl noch dauern,
ich drehe mich im Kreis.
Mal bin ich traurig, mal wütend, mal sauer.
Nur bei dir, da werd´ ich leis´.
 

03.09.2022 – erster Urlaub nach dem Verlust

Nun sind wir wieder zurück aus dem „Urlaub“. Ich hab mich vorher nicht nach Urlaub gefühlt und tue das auch hinterher nicht. Alle fragen, ob es schön war/ ob wir uns erholt haben… Da möchte ich am liebsten schreien: „Nein, verdammt! Mein Kind ist tot! Da bin ich nicht erholt! Da mach ich nicht schön entspannt Urlaub und alles ist wieder toll.“ – Es waren schöne Ausflüge, ja. Schöne Tage zusammen als Familie. Da waren auch viele schöne, glückliche und unbeschwerte Momente dabei. Aber auf jeder Rückfahrt merkt man, dass sie fehlt. Dass ihr Platz leer ist. Und da ist es egal von wo. Nach jedem Ausflug. Oder wenn man von zuhause wegfährt. Wenn man vom Großelternbesuch zurück fährt,… Sie fehlt! Zurzeit vermisse ich sie wieder sehr. Frage mich, warum das alles so sein muss. Warum sie so eine bescheuerte Krankheit haben musste. Nach einem Gespräch und dem schriftlichen Befund wissen wir nun, dass es keine Heilung und keine andere Therapie gab! Es wurde alles getan. Morgen sind es 3 Monate, die sie nicht mehr da ist. Das ist halb so lang, wie ihr Leben!
Die Große versucht mich aufzumuntern. Das ist total süß und gibt mir auch Kraft. Aber sie kann und soll Lara nicht ersetzen. Lara fehlt einfach! Eben war ich am Grab. Ihr Käfer (eine Windmühle) hat sich wild gedreht. Immer stärker. Als wollte sie mit aller Kraft sagen: „Mama, sei doch nicht so traurig!“

04.10.2023 – erster Arbeitstag

Heute sind es 4 Monate ohne dich. In manchen Momenten fühlt es sich an, als wärst du gerade erst weg gegangen. So klar sehe ich dein Lächeln. So klar sehe ich dich neben mir liegen. Als hättest du gestern noch da gelegen.
Heute früh war so ein wunderschöner Himmel. Und das zu meinem 1. Arbeitstag. Als ob du mir dafür Kraft und Energie schicken wolltest. Ein bisschen fühlte es sich an wie eine Umarmung. Es war so besonders! Das kann nur ein „Engel“ gewesen sein.
Nach der Arbeit war ich noch bei dir am Grab. Erst da fühlte ich mich wieder richtig. Richtig ich. Richtig da. Bei dir, da wo ich in Gedanken sein möchte. Immer mehr habe ich das Gefühl, dass meine alte Arbeit nicht mehr das Richtige ist. Ich muss etwas anderes tun. Vielleicht ja für Eltern, denen es auch schlecht geht.

04.12.2022

Nun bist du schon ein halbes Jahr nicht mehr bei uns. Ein halbes Jahr! Das ist so lange, wie du gelebt hast. Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt jemals hier warst. Ob ich das alles nur geträumt habe. Es kommt einem vor, als wäre es nie passiert. Als wäre man immer nur zu dritt gewesen. Warst du wirklich da? Hat hier ein Baby gelebt? Ja, hat es! Du warst hier! Du warst erwartet, gewollt und geliebt. Du hast hier ein halbes Jahr gelebt.
In manchen Momenten wiederum kommt es mir dann so vor, als wärst du gestern noch hier gewesen. Letztens saß ich beim Abendbrot und hatte so ein Gefühl in mir, dass ich etwas für dich tun müsste. Ich müsste dir Abendbrot machen und du würdest gleich mit am Tisch sitzen. Es war wie kurz nach deinem Tod. Es waren Aufgaben, die nicht mehr zu tun waren. So viel haben wir gemeinsam erlebt. Wir haben gelacht und hatten viel Spaß miteinander. Du, Mama, Papa und deine Schwester.  Wir waren ein Team – das Familiendreamteam. Und nun fehlt ein Teil davon. Du machtest unsere Familie komplett. Du warst unser Sonnenschein. Und hast dich so ins Leben gekämpft. Du warst unser kleiner Kampfkrümel und hast gekämpft bis zum Schluss. Du hast nie aufgegeben und uns deine Freude und Liebe spüren lassen. Du hast immer gestrahlt und du warst glücklich. Und wir waren es auch mit dir. Es ist so schwer zu verstehen, dass du nun schon so lange nicht mehr bei uns bist. Und auch nie wieder kommst.
In den letzten 6 Monaten haben wir keine Windel mehr gewechselt, keine Flaschen mehr gemacht, dich nicht mehr gefüttert. Auch anziehen mussten wir dich nicht mehr. So viele Aufgaben sind weggefallen. Stattdessen mussten wir uns neuen Herausforderungen stellen. Wir haben neue Dinge gelernt. Nur durch dich haben wir uns mit dem Tod und der Trauer beschäftigt. Nur wegen dir wissen wir von verschiedenen Trauergefühlen und Trauerphasen. Du gibst uns die Kraft und Stärke weiterzumachen und für deine Schwester da zu sein. Nur durch dich sind wir so unendlich dankbar geworden. Dankbar für Kleinigkeiten. Wir können das Schöne sehen und regen uns nicht über die kleinen Dinge auf, die so unwichtig sind. Ein halbes Trauerjahr haben wir bereits gemeistert. Es ist nicht immer einfach, aber es ist auch nicht immer schwer. Du gibst mir die Kraft und den Mut neue Dinge auszuprobieren. Alte Wege zu verlassen, alles auf mich zukommen zu lassen. Stets in dem Gefühl, dich bei mir zu wissen. In meinen Gedanken, in meinen Gefühlen, in meinen Erinnerungen, in meinem Herzen. Nun wartet das zweite Trauerhalbjahr auf uns, mit neuen Herausforderungen und neuen Erinnerungen. Dieses halbe Jahr erlebten wir letztes Jahr gemeinsam mit dir, mit unserem Adventswunder. Und nun fehlst du diesen Advent, fehlst dieses Weihnachten. Das wird sicher anstrengend und belastend. Und trotzdem werden wir es so gut wie möglich versuchen. Für deine Schwester und für dich. Auch wenn wir dich nicht sehen, bist du weiter bei uns. Du bist ein Teil von uns. Für immer!

 

18.12.2022 – WARUM?

Wir stehen an deinem Grab und fragen: WARUM?
  • Warum muss ich mein Kind hier besuchen, während andere zum Weihnachtsmarkt gehen? Warum muss ich immer wieder zwischen anderen glücklichen Menschen stehen, deren Leben total normal ist? Ich möchte auch ein normales Leben! Und kein Einsames, als DIE Familie, deren Kind gestorben ist!
  • Warum singen und sprechen andere davon, die Schwester nicht zu ärgern? Lieb zu ihr zu sein? Ich habe dich nicht geärgert und trotzdem bist du weg!
  • Warum musstest du schon gehen? Warum darf ich keine Späßchen mehr mit dir machen? Es ging dir doch so gut bei uns!
Statt Advent/Ankunft ist es immer noch ein Abschied. Abschied von einem Alltag mit dir. Abschied von unseren Träumen. Abschied von unserem lachenden Baby. Abschied, weil auf immer ein Teil von uns fehlt. Wie soll man sich da auf Weihnachten und auf das Kind im Stall freuen?

 

23.01.2023 – Auszeit von der Trauer

Die Trauer ist immer da. Seit nun fast 8 Monaten begleitet sie mich. Mal sehr präsent, mal mehr im Hintergrund. Es gibt zwischendurch auch Momente, da fühle  ich mich ganz gut. Doch letztes Wochenende habe ich noch etwas gelernt. Es gibt sie – die Auszeiten von der Trauer. Sich-freuen-können, also wirkliche und ehrliche Freude. Miteinander lachen zu können, weil man sich wirklich freut. Und nicht, weil sich andere freuen. Eine innere Freude, inneres Glück. Mal wieder genießen zu können. Etwas zu erleben und es als schön zu empfinden. Sich lebendig und leicht zu fühlen.
Manchmal braucht es dazu gar nicht so viel. Ein Wochenende an einem fremden Ort. Ganz spontan, ohne viel zu planen. Einfach das tun, was einem in den Sinn kommt. Schon bei Ankunft stand ein einzelner Stern über unserem Hotel. Dieser begleitete uns den ganzen Abend und wir wussten, dass Lara bei uns ist. Die Möglichkeit und Ruhe einfach mal ausschlafen zu können, war herrlich. Gemeinsam zu frühstücken und anschließend etwas zu unternehmen. Abends eine Musikshow im  Planetarium. Unter dem Sternenhimmel wieder an dich, unser Sternenkind, zu denken. Trotzdem aber die Veranstaltung genießen zu können. Auf dem Rückweg zum Auto flog uns der Schnee ins Gesicht. Als wolltest du sagen: „Ihr wolltet Schnee. Da habt ihr Schnee!“. Kaum hatte ich das ausgesprochen, läutete die Glocke. Ja Lara, ist ja okay. Ich hab´s verstanden. Diese Winterwelt war wunderschön und dieses Schöne zu sehen und erleben zu können, ist wahres Glück. Freude in den kleinen Dingen zu haben. Spaziergang, Schneeballschlacht, gemeinsam zu lachen. 
Manchmal braucht es nicht viel und man fühlt sich mal wieder frei. Frei von der Trauer. Frei von der Schwere. Frei von dieser großen Last. Ich habe es nicht für möglich gehalten, aber es geht. Auch nach dem Verlust kann man wieder glücklich sein. Apropo Glück. Am Freitagabend sehen wir diesen Marienkäfer auf der Wand und am Samstag finde ich einen glänzenden Glückscent im Laden. Ob das ein Zeichen war, dass auch wir wieder Glück haben? In diesen Momenten ist das Glück jedenfalls sehr präsent und die Trauer ganz weit weg.
Lara, du warst trotzdem nicht vergessen. Du warst im Herzen dabei, aber nicht so präsent. Ich denke an Dich, wenn ich einen einzelnen Stern am Himmel sehe. Ich denke an Dich, wenn die Schneeflocken fallen. Und ich denke an Dich, wenn am Nachbarstisch im Restaurant ein größeres Mädchen sitzt. Irgendwann wärst du auch so groß gewesen. Das ist kaum vorstellbar. Der Gedanke macht mich kurz traurig, aber ich fühle mich mit dir in meinen Gedanken verbunden. Es sind kurze und flüchtige Gedanken. Ich denke an Dich. Erinnere mich. Aber es fühlt sich nicht so schwer an und ich kann auch gleich wieder an was Schönes denken. Mir ist bewusst, dass das nicht so bleiben wird und trotzdem wieder schwere Phasen kommen werden. Aber es tut gut mal aufzuatmen. Neue Kraft zu tanken und zu wissen, ein schönes Leben ist wieder möglich. Sich einmal auf die positiven Dinge im Leben konzentrieren zu können. Nicht darauf, was einem genommen wurde. Nicht auf das, was man nicht mehr hat. Sondern darauf, welches Geschenk es ist, eine gute Partnerschaft zu haben. Wie schön die Natur sein kann. Wieviel Freude in den kleinen Dingen steckt. Dankbar zu sein.

 

Ich bin sehr glücklich und dankbar für diese Auszeit.
Und ich weiß, dass meine Lara sich gefreut hätte uns so glücklich zu sehen.

 

11.04.2023 – Trauer in der Osterzeit

Ein paar Tage vor Ostern haben wir uns ganz bewusst Zeit für die Trauer genommen. Mit anderen Sterneneltern getroffen. Über Tod und Trauer ins Gespräch gekommen, mitten im Einkaufszentrum. Als wäre es das normalste Thema der Welt. Wir sprachen über Sarg und Beerdigung wie andere über das Wetter. Dieser normale Austausch tat gut. Ohne viel zu erklären, verstanden werden. Sich gut fühlen, weil man einfach dazugehört. Man nicht anders ist. Sowohl in Einzel-, als auch in Gruppengesprächen bemerkt man, dass es anderen auch so geht. Die anderen Betroffenen einen ähnlichen Umgang bei diesem Thema erleben. Dass sich andere ähnlich fühlen.
Umso mehr fällt einem bei der Rückkehr in die „normale Welt“ auf, wie anders es dort ist. Fröhlichkeit und Vorfreude auf Ostern. Gespräche über normale Themen, auf die man sich kaum konzentrieren kann. Zu laut. Zu voll. Zu viel von allem. Man sehnt sich nach Ruhe.
Und das Vermissen wird plötzlich wieder ganz groß. Solltest du doch bei Mahlzeiten mit an dieser Tafel sitzen. Du fehlst in dieser Runde. Es ist, als wärst du nie dabei gewesen. So, wie die Ostern vor deiner Existenz. Dabei war es doch erst letztes Jahr Ostern, wo du getauft wurdest. Ein so schöner Tag! Wir waren gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen und feierten dein Leben. Wir feierten, dass du das Schlimmste überstanden hast. Wir dachten, in einem Jahr würden wir darüber lachen. Doch ich kann darüber nicht lachen. Stattdessen sitze ich in der Osternacht in der Kirche und es ertönt das Lied „Fest soll mein Taufbund immer stehen“. Die ersten Zeilen singe ich noch mit. Dann nimmt es mich emotional so mit, dass Tränen über mein Gesicht laufen. Dieses Lied sang ich zuletzt für dich. Zu deiner Taufe vor einem Jahr im Ostergottesdienst. Auch die Lieder danach werden nicht besser. Denn nun wird die Auferstehung und das Leben Jesu besungen. Alle freuen sich auf Ostern, aber ich kann mich nicht freuen. Ich denke an dich und weine leise weiter. Du fehlst mir so!
Am Ostersonntag beim Suchen im Garten bist du dann gar nicht mehr präsent. Ich genieße die Zeit und die Freude deiner Schwester. Doch unser anschließender Osterspaziergang endet dann auf dem Spielplatz, auf dem wir vor einem Jahr waren. Schon beim Betreten des Spielplatzes sehe ich mich, wie ich vor einem Jahr deinen Kinderwagen durch das Tor geschoben habe. Wie du im Wagen lagst und schliefst und wir gemeinsam mit deiner Schwester auf dem Spielplatz spielten. Ich merke, wie ich innerlich sehr unruhig werde. Ich fühle mich hier nicht wohl. Mit deinem Papa suche ich eine Bank weiter weg. Von oben betrachten wir deine Schwester und freuen uns, dass sie glücklich ist. Doch unser Herz ist sehr schwer, weil uns einfach jeder Winkel hier an deinen Tauftag erinnert. Ich verlasse das Spielplatzgelände vorzeitig.
Ostern – ein so schwieriges Fest.  Ein Wechselbad der Gefühle. Freude, Traurigkeit,Reizbarkeit, aber auch viele schöne Erinnerungen. Erinnerungen, die wehtun, aber nie vergessen werden dürfen. Denn du hast gelebt. Und für uns lebst du weiter. Leider nur noch in Gedanken.
Ich glaube daran, dass du nicht ganz weg bist. Und ich hoffe, wo auch immer du bist, dass du stolz auf uns bist!

 

11.05.2023 – ein schlechter Tag

Auch nach fast einem Jahr gibt es noch Tage, an denen ich mich schlecht fühle. Heute ist so ein Tag. Da taucht ganz unverhofft die Frage auf: „Warum muss das eigentlich ausgerechnet uns passieren?“ Nicht, dass ich dieses schlimme Schicksal jemand anderem wünsche. Nein, überhaupt nicht. Aber es gibt diese Tage, da wünscht man sich so sehr wieder so ein Leben, wie andere es haben. Das eigene Kind in den Kindergarten bringen, zur Arbeit fahren, nachmittags noch auf den Spielplatz und das schöne Wetter genießen. Gemeinsam Zeit als Familie zu verbringen und sich über Kleinigkeiten Gedanken zu machen.
Doch das war einmal. Denn heute gehe ich in den Kindergarten und sehe vor mir einen Vater, der sein kleines Kind in den Kindergarten bringt. Und ich erinnere mich an mein Leben früher. Wie ich in meinem alten Leben einfach nur mein Kind in den Kindergarten brachte. Doch heute sind da immer auch Gedanken an Lara. In meinem Herzen geht sie mit uns die Treppe hoch. Auch wenn es keiner sieht. Und während andere sich über die Sonne freuen und gern auf den Spielplatz gehen, ist mir die Sonne an manchen Tagen sowas von egal. Sie scheint zwar, aber sie erreicht mich nicht. Ich fühle mich innerlich trüb. Das ändert auch keine Sonne. Oft will man auch gar keinen sehen oder sprechen an solchen Tagen und lieber schnell nach Hause. In das geschützte Umfeld. Zuhause ist meine Wohlfühlblase. Hier kann ich traurig sein, wütend werden oder mich freuen.
Gute Ratschläge braucht man da auch nicht. Nur Menschen, die zuhören und aushalten. Denn auch diese Tage sind okay. Es darf diese Tage geben. Und nun koche ich mir einen Tee und lese ein Buch. Und mache einfach mal nichts. Denn auch das muss manchmal sein, damit es einem bald wieder besser geht.

 

04.06.2023 – erster Todestag

Das war er nun – der 04.06.23 – dein 1. Todestag.
Schon morgens wäre ich am liebsten im Bett liegen geblieben. Ich fühlte mich so teilnahmslos und gleichzeitig traurig. Es gibt diese Tage nur sehr selten bei mir, aber heute hätte ich da einfach liegen können. Wie schon vor einem Jahr tat ich dies aber nicht.
Wir besuchten dich am Grab und brachten dir deine ganz persönliche Grabvase mit Blumen darin. Ein paar Dinge vom Urlaub haben wir dir auch mitgebracht.
Schon gestern dachte ich immer wieder: „Ich muss der Lara zeigen, was ich mir gekauft habe.“ – Auch heute denke ich die ganze Zeit, ich muss nur den richtigen Schlüssel finden und dann bist du wieder da. Dann bist du wieder bei mir. Dann wache ich aus diesem Alptraum auf und alles ist wieder gut.
Ich fühle mich an diesem Tag wie damals, nur nicht so extrem. Aber da ist diese Traurigkeit und da ist diese Leere. Und da ist dieses „für andere ist ein ganz normaler Tag“. Ich fühle mich wie in einer Parallelwelt. Nur wir 3 sind hier und der Rest ist weit weg. Selbst an schönen Blumen oder dem Wetter kann ich mich nicht erfreuen. Genau wie damals. Tolles Sommerwetter, doch ich fühle mich kahl und trist. Wie unser Balkon.
Ich wünsche mir heute so sehr, dass du wieder bei mir bist. Mein Kopf weiß, dass das nicht geht. Doch mein Herz meint, wenn ich nur genug daran glaube, bist du wieder da. Du fehlst so unbeschreiblich doll!
Dieser Tag ist kaum zu ertragen. Viele Tränen sind geflossen. So viele, wie schon lange nicht mehr. Aber ich freue mich über jede Kerze, die heute für dich angezündet wurde. Für jedes liebe Wort, welches mir geschrieben wurde. Von Leuten, die uns persönlich kennen und von unbekannteren Menschen, die von deinem Weg tief berührt waren.
DANKE!

 

13.06.2023

Heute vor einem Jahr war deine Beerdigung. Ich weiß noch, wie ich zur Kirche lief und dort die Familie auf uns wartete. Ich kam mir vor, wie auf einer Hochzeit. Nur gab es heute nichts zu feiern. Als ich sie da alle so stehen sah, wäre ich am liebsten umgedreht. Einfach wieder gehen. Wir heiraten nicht. Die Feier ist abgesagt. Ihr könnt wieder gehen. Doch leider war es keine Hochzeit, die man absagen kann. Es war deine Beerdigung. Und der konnte ich nicht entfliehen.
In der Kirche sah alles so hübsch aus und doch war es so traurig. Dass ich da an diesem Sarg stehen musste. Als ich den Sarg das letzte Mal gesehen hatte, da haben wir ihn bemalt. Da war er leer. Wir haben den Deckel hochgehoben und der Großen gezeigt, wie er von innen aussieht. Dass er gepolstert ist und es ihre Lara dann schön weich darin hat. Nun stand ich an diesem Sarg und hätte am liebsten noch einmal den Deckel hoch gehoben. Sie noch einmal angesehen. Nur um sicher zu gehen, dass auch wirklich Lara in diesem Sarg liegt.
Wir hockten zu dritt am Grab und mussten Lara nun zurücklassen. Ein Teil unserer Familie würde nun hier bleiben und wir mussten gehen. Am liebsten hätte ich sie nach der Beisetzung wieder herausgehoben und aus dem Sarg gezerrt. Doch ich ging. Schweren Herzens, aber ich ging.

 

29.07.2023

Ich habe verschiedene Arzttermine nach unserem Verlust gehabt. Manche Ärzte waren sehr interessiert und einfühlsam. Haben sich viel Zeit genommen. Waren interessiert daran, was passiert ist. Ich sah in ihrem Blick, wie sie emotional dabei waren. Sie waren empathisch. Doch dann gab es leider auch die, die nur Fakten abarbeiteten. Die nicht einmal versuchten, meine Lage nachzuvollziehen. Wo man schon im ersten Gespräch merkte, dass sie von Trauer und Verlust keine Ahnung haben.  
Ein Arzt, der nur sieht, dass der Tod unserer Tochter ja schon so lange her ist. Der aber nicht begreift, dass da so viel mehr passiert ist… 
Ich habe mein Kind begleitet – palliativ begleitet. Als noch keiner wusste, dass es palliativ ist. Ich es aber bereits ahnte. Bei jeder Untersuchung, bei jedem Blut abnehmen, bei jeder Sonographie. Mitunter habe ich sie mit festgehalten und gemeinsam mit ihr ausgehalten. Dabei war ich immer stark. Ich war ihr Fels in der Brandung. Ihre Sicherheit. Ich war da. Ich stand das mit ihr durch. Und ich funktionierte. In dieser Zeit gab es nur wenig Tränen. Ich tat, was getan werden musste. Weil Lara mich brauchte! Doch all das arbeitet noch immer in mir – auch körperlich. Da sind Ängste, hinzu kommen der Jobverlust und gesundheitliche Einschränkungen. All das ist eine Folge des Verlustes. Und trotzdem denkt dieser Arzt, und ich glaube auch viele Menschen in meinem Umfeld, ich sei so, weil unser Kind tot ist.
Ja, mein Kind ist tot.
Ja, das hat Spuren hinterlassen.
Aber noch mehr als ihr Tod, hat ihr Leben mit ihrer Krankheit Spuren hinterlassen.
Ich hatte keine Zeit mich auf ihre Krankheit einzustellen. Zu lernen, mit dieser Krankheit zu leben. Oder mich auf die Folge, ihren Tod, vorzubereiten. Noch als ich im Begreifen der Auswirkungen dieser Diagnose war, überrumpelte mich ihr Tod. Ohne Vorwarnung. Er war da und ich musste es annehmen. Akzeptieren, dass uns keine Zeit mehr blieb. Noch immer bin ich im Begreifen, was uns in dieser kurzen Zeit da eigentlich passierte. Noch immer versuche ich zu begreifen, was nicht zu Begreifen ist.
Und dann  fragt dieser Arzt jedes Mal aufs Neue: „Wie geht es Ihnen?“, ohne auch nur ansatzweise zu erkennen, dass es nicht nur um die Trauer um mein Kind geht. Dass da viel mehr dran hängt.  Und er mir mit Druck machen mehr schadet als hilft.

 

03.08.2023 – Warum es hier so ruhig war

Die letzten 2 Monate war es auf meinem Blog hier sehr ruhig. Das hatte einen Grund. Nach Lara´s Todestag hatte ich das Gefühl, es sei alles erzählt. Mit dem Ende ihrer Geschichte endete auch meine Motivation zum Schreiben. Worüber sollte ich noch schreiben? Es war alles von ihr erzählt und was Neues würde nicht hinzukommen. Ein ganzes Jahr war ohne sie vergangen. Noch immer waren manche Dinge so unsicher, aber wir hatten auch schon viel geschafft.
Ich habe mich gefragt, wie ich mit diesem Blog hier weiter machen soll. Als ich dann die Gelegenheit nutzte, meine Geschichte auf einer größeren sozialen Plattform zu erzählen, geschah etwas. Ich erhielt über 100 Kommentare. Hinzu kamen persönliche Nachrichten. Vielen tat unsere Geschichte leid. Alle hatten liebe Worte. Für unser Schicksal und für unsere Zukunft. Lauter gute Wünsche. Dazwischen auch einige Fragen, die mich zum Nachdenken brachten. Unsicherheit und Ängste bei Dingen, die für mich selbstverständlich waren. Ich spürte, dass da Unwissen ist. Dass es weiterer Aufklärung bedarf. Dass ich diesen Blog weiterführen muss. Um Sterneneltern eine Stimme zu geben und um Außenstehenden zu zeigen, was es bedeutet sein Kind zu begraben.
Damit manche Unsicherheit weniger wird.
Damit Außenstehende besser wissen, wie sie mit Trauernden umgehen können.
Damit verwaiste Eltern sich nicht so alleine fühlen müssen.
Außerdem wusste ich schon kurz nach Lara´s Tod, dass ich etwas für Betroffene tun möchte. Dass das meine Aufgabe ist. Und das will ich nicht aufgeben. Also mache ich weiter. Für Lara! Für mich! Und für alle, die es brauchen!

 

2024 – neues Jahr, neues Glück?!

2023 ist vorbei. Und in gewisser Weise ist das auch gut so. Ich möchte gar nicht so genau darüber nachdenken, was in diesem Jahr passiert ist. Deswegen habe ich auch keinen Jahresrückblick geschrieben. Auch von Neujahrsvorsätzen halte ich nicht so viel. Meist werden die eh wieder verworfen oder es kommt was anderes dazwischen. Das Leben kommt dazwischen. Und mal ganz ehrlich, es braucht doch kein Silvester/ Neujahr, um etwas in seinem Leben zu ändern.
Unsere Dezemberwochen waren sehr anstrengend. Neben der üblichen Advents- und Weihnachtszeit, die für alle Trauernde schwierig ist, waren wir noch mit anderen Dingen gefordert. Termine und Herausforderungen, auf die wir so eigentlich keine Lust hatten. Bei denen man sich fragte, warum schon wieder bei uns. Und doch hatte das Jahresende noch etwas positves für uns parat. Unser ganz persönliches Weihnachtsgeschenk. Und auch von der Familie kamen in diesem Jahr so schöne Geschenke – für unsere Lara. Es hat mich sehr glücklich gemacht, dass an sie gedacht wurde! Mehr als in letztem Jahr. Und noch immer spüre ich bei jedem Geschenk auf ihrem Schrank die Verbindung zu dem Schenkenden. Es ist einfach schön zu wissen, dass sie für andere noch eine Rolle spielt. Dass sie auch für andere Familienmitglieder nicht ganz gestorben ist. Dass sie noch ein Teil ihres Herzens ist.
Sie wäre im November 2 Jahre geworden. Wir haben diesen Tag für uns passend verbracht. Und Lara hat es ordentlich schneien lassen. Also war sie auch irgendwie mit dabei. So viel Schnee wie an diesem Tag gab es den ganzen Dezember nicht. Es war ein Tag, der anders war als erhofft. In vielerlei Hinsicht. Und doch war es ihr Tag. Lara´s Geburtstag. In meinen Gedanken bleibt sie einfach immer ein halbes Jahr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jetzt schon hier herumlaufen und das Spielzeug ihrer Schwester klauen würde. Doch trotzdem gehört sie hier dazu, nur nicht sichtbar. Papa denkt plötzlich, er müsse mal nach Lara schauen. Die Große malt von ganz alleine ein Weihnachtsgeschenk für sie. Ich habe immer die Zahl 4 im Kopf, wenn ich an unsere Familie denke. Wenn man mich fragt, was die „Kleine“ so macht, ist mein erster Gedanke „die liegt auf dem Friedhof“. Bis mir einfällt, dass ja damit die Große gemeint ist. Weil sie für andere die Kleine unserer Familie ist.
Auch 2024 wird Lara ein Teil dieser Familie bleiben. Ich werde weiter über sie und unsere Trauer schreiben (wenn vielleicht auch nicht mehr so oft). Und ich werde anderen versuchen Mut zu machen. Denn ja, mein Kind ist gestorben. Und das schon vor 1,5 Jahren. Es ist nicht alles gut. Aber es ist auch nicht mehr alles schlecht. Ich bin überzeugt, dass ich auch 2024 wieder ein kleines Stückchen heilen darf.

 

22.01.24 – Trigger im Krankenhaus

Mein Kopf weiß ganz genau, weshalb wir hier sind. Er weiß, dass es notwendig ist. Er weiß, dass wir hier gut aufgehoben sind. Er weiß das alles.
Doch mein Herz ist gefühlt im Jahr 2022. Als ich mit Lara hier war. Sie in diesem bunten Kinderbett lag, welches hier auf dem Flur steht. Ich in diesem Elternbett lag, welches hier im Zimmer steht. Das Geräusch des Wasserautomaten oder das der Automatiktür zur Station. Die Flure und Gänge, durch welche ich damals einige Male lief. Die Cafeteria, in der ich ein Stück Kuchen aß. Kleine Babys (eins sogar mit Nasensonde), so wie einst meins hier war. So viele Dinge, die mich an dich erinnern. Überall warst irgendwie du. Als wäre ein Hauch von dir wieder hier. Als wärst du wieder mit uns hier. Die ganze Zeit schon denke ich, dass DU wieder im Krankenhaus bist. Dass alles von vorn beginnt. Die ganzen Untersuchungen. Und dass du am Ende wieder stirbst. Dass ich dein Sterben nochmal erleben muss. Du uns wieder verlässt. Aber nein, du bist tot und du bleibst es auch. Es kann nicht nochmal passieren. Was sich jedoch wiederholt, sind meine Gefühle. Angespannt sein, Unsicherheit, Ängste. Noch dazu kommt nun eine große Sehnsucht. Als ich das Krankenhaus verlasse, denke ich: „Im Dunkeln bin ich hier noch nie weg gefahren.“ Und ich schaue zu dem Parkplatz, wo ich damals stand. Ich fühle regelrecht die schwere Babyschale in meiner Hand, als ich dich zum Auto trug. Dort habe ich dich ins Auto getan und gewusst, dass du bald sterben wirst. Mit all diesen Erinnerungen im Herzen steige ich in mein Auto und fahre nach Hause.
Im Auto spricht der Radiomoderator von schwierigen Entscheidungen. Ich denke an unsere schwierige Entscheidung damals. Zu entscheiden, wo unser Kind sterben darf. Das war schwierig! (Doch im Radio ging es nur um das Abendessen…)
Zuhause schaue ich dann noch etwas Serie. Und was passiert? Die Tochter des Mannes stirbt im Krankenhaus. Er berührt ihre Wange und ich weiß sofort, wie es sich angefühlt hat. Ich spüre den Schmerz des Mannes und den Wunsch, sie würde plötzlich wieder atmen und sich bewegen.
Ein Tag voller schmerzlicher Erinnerungen. Ein Tag, der  mir besonders zeigt, wie sehr du mir fehlst. Auch wenn das im Alltag manchmal untergeht. Ich vermisse dich!

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